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Erfahrungsbericht aus dem
Silicon Valley
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... von Thomas Dübendorfer
Der folgende im Juli 2001 als E-Mail verfasste und seither
nur leicht angepasste Text beschreibt einige meiner Eindrücke und Aktivitäten
während meines Aufenthalts im Silicon Valley, wo ich von April bis August
2001 bei Hewlett-Packard im Forschungslabor als "summer intern" im
Projekt "Cooltown" arbeitete.
Während es in der Schweiz trotz
Sommer recht regnerisch bleibt, vergeht hier in Palo Alto kein Tag ohne blauen
Himmel und Sonne bei 30 Grad Celsius und mehr. Wer als Tourist durch das kalifornische
Palo Alto fährt, wird kaum bemerken, dass hier im Downtown die Internet-Datenströme
aus aller Welt zusammenfliessen. Hier wird nämlich einer der weltgrössten
Internet Exchange Switches betrieben (für Insider: PAIX - Palo Alto Internet
Exchange), der Terabits durch den 30 Meilen Fiber-Backbone von über 100
hier angeschlossenen Internet Service Providern jagt [aber das interessiert
ja wohl eh nur Tekkies].
Die Region um Palo Alto darf mit der Uni Stanford und einer Vielzahl von Internetfirmen
zurecht als Herz des Silicon Valleys gelten. Wo man hinschaut, findet man die
Büros von Firmen wie Hewlett-Packard (HP), SUN, Oracle, Xerox, Adobe, Silicon
Graphics, Google, Applied Materials, Agilent Tech, Intel, Excite@Home etc. Sogar
Microsoft baut sich hier eine Niederlassung (in Mountain View), denn Redmond
scheint doch gar weit weg von potentiellen Computer Cracks und (wellen)surfen
kann man dort im kälteren Norden oben auch viel schlechter.
Die New-Economy scheint neben vielen Chancen auch einige Probleme mit sich
zu bringen. Momentan scheint es im Trend zu sein, dass sich fast täglich
eine Firma von einem Teil ihrer Mitarbeiter trennen muss (sofern sie nicht gerade
ganz bankrott geht wie z.Bsp. der home delivery service WebVan, bei dem viele
hier eigentlich schon immer mal einkaufen wollten es aber dann doch nie taten).
Suizide mittels Caltrain, der Zugsverbindung zwischen San Francisco und San
Jose, scheinen mit sieben letztes Jahr (2000) und drei dieses Jahr (2001) auch
nicht so selten und seit ich da bin wurden schon vier Leute mit Kopfschüssen
auf offener Strasse niedergestreckt. Ob das wohl ein Zeichen von Frust-Abreaktion
nach einem Firmencrash ist? Zumindest gibts hier auch Privatkonkurse, besonders
von Leuten, die ihr Haus auf Kredit gekauft haben und ihre nun wertlosen Optionsscheine
als Sicherheit hinterlegten (war vor kurzem noch üblich und von den meisten
Banken akzeptiert).
Etabliertere Firmen wie SUN oder Adobe zwangen alle Mitarbeitenden zu einer
unfreiwilligen Ferienwoche über den 4th of July 2001 (d.h. die Mitarbeiter
mussten ihre für später gesparten Ferien drangeben). Bei HP macht
man das mit viel mehr Stil und unterbreitet seinen 80'000 Mitarbeitern ein freiwilliges
(!!) Sparprogramm, wo man für die nächsten drei Monate auf ganze 10%
seines Salärs verzichten kann (bzw. Ferien drangeben kann). Die Loyalität
(ev. u.a. durch Stock Options begünstigt) bewog die ersten 20'000 in 97%
der Fälle am Sparprogramm mitzumachen. Dies erstaunt doch recht stark und
zeigt eine starke Identifikation mit der Firma, wie man sich das in der Schweiz
manchmal auch etwas mehr wünschte, besonders in Grossbetrieben.
Bei HP Labs arbeite ich seit April 2001 im Cooltown
Projekt mit. Dessen Ziel ist es kurz gesagt, in jedes Gerät einen Webserver
und einen drahtlosen Internet-Zugang zu stecken, um dem Benutzer von seinem
handgrossen Minicomputer (auch als PDA oder Organizer bekannt) einfachsten Zugriff
auf alle "web-enabled" Geräte zu geben. Man schreckt auch nicht
davor zurück, gleich jeder Person, jedem Ort und jedem Ding seine "Web-Präsenz"
inkl. URL zu geben. Zudem gibt es kleine URL-Beacons, die per Infrarot periodisch
eine Webadresse aussenden, die vom jedem PDA empfangen werden kann.
Eine "Web-Präsenz" kann natürlich viel mehr als eine "normale"
Webpage und somit kann die Vernetzung von verschiedensten Dingen und Diensten
beginnen.
Konkret: Ein Handheld-Computer im Auto stellt fest, dass der Motor bald ein
grösseres Problem haben wird. Sofort wird der Fahrer zur nächsten
Garage geleitet. Dort wartet der Garagist schon mit den Ersatzteilen, denn er
wurde von der Webpräsenz des Autos vorinformiert. Das Taxi steht auch schon
da und weiter geht's mit der Reise. Der Web-enabled Radio z.Bsp. würde
einem bei schlechtem Wetter oder Stau schon eine Stunde früher wecken,
damit man sein Meeting sicher nicht verpasst. Und der letzte Schrei ist der
web-enabled Toaster, der einem auf dem Toast die Wetterprognose "einbrennt"
(den gibt es wirklich!). Tönt doch ganz nett, oder?
Neben der Research Arbeit als Intern bei HP Labs bin ich häufig unterwegs.
Kalifornien hat ja so viel zu bieten. In diesem Staat hat es von Schneebergen,
Sandstränden, dichten Waldgebieten, Nationalparks mit unberührter
atemberaubender Natur über pulsierende Städte mit grosser Alternativszene,
Naturkräften, Surfspots bis zu open-minded people alles vereint.
In der grössten Konzertarena des Silicon Valleys, dem Shoreline Amphitheatre
besuchten wir das Konzert von Paul Simon/Brian Wilson. Schade, dass die zwei
nichts Gemeinsames vortragen wollten, sondern sich zwei strikt getrennte Auftritte
leisteten. Da hätte ich schon etwas mehr erwartet. Bald kommen Depeche
Mode und Aerosmith.
Die besten Parties gehen natürlich jeweils bei Privaten ab und nicht in
den Kommerz-Clubs. Allerdings scheinen hier die Leute mit den Mottos etwas einfallslos,
so gabs schon mehr als genug "Hawaii" oder "Island"-Parties.
Immerhin habe ich nun schon mein richtiges "Hawaii"-Hemd für
meine im September geplanten Ferien in Hawaii.
Nicht nur in Australien, sondern auch hier scheint man BBQs (für US-illiterates:
BarBeQues bzw. Grillparties) mehr zu mögen, als gediegene Dinners. Wir
(d.h. meine Roomies Pooja, Daniel, Sandra und ich) sind da wohl die Ausnahme,
weil wir bereits dreimal für gegen zwanzig Leute unserer Clique gekocht
haben. Mit etwas Anstrengung findet man sogar in den USA die Zutaten fuer Tiramisu,
Riz Casimir oder Indian Dinners. Nur mit dem Zopf hatte ich bisher so meine
Probleme (wieso geht das Ding trotz Hefe hier nicht genug auf?!!?). Eine Insiderin
von der Swiss-List (eine
Mailingliste fuer hier ansässige SchweizerInnen) verriet mir dann, dass
das Mehl hier halt gebleicht sei im Normalfall, was einem guten Zopf eher entgegenstünde.
Und tatsächlich, die Verpackung verrät ganz klein, dass "all
purpose flour" gebleicht wurde [diese Firma könnte man hier sicher
verklagen, da "Brot" sicher auch unter den Verwendungszweck "all
purpose" fallen sollte ;)]. Zudem ist die "dry yeast" (Trockenhefe)
hier doch etwas anders als ich Hefe aus der Schweiz kenne. Wie auch immer, den
Titel des Chefkochs habe ich mir durch meine zwei Dinners trotzdem eingehandelt.
Der Indian Dinner wurde von Pooja (der Name tönt nicht nur indisch, sie
ist auch von dort) gekocht und stiess ebenfalls auf grosse Begeisterung.
Da hier recht viele interessante Firmen ansässig sind, wollte ich natürlich
auch keine Gelegenheit auslassen, einigen davon einen persönlichen Besuch
abzustatten. Bei Logitech in Fremont durfte ich im Forschungslab die nächste
Generation von Forcefeedback-Gamejoysticks ausprobieren. Echt erstaunlich, was
das WingMan-Team so produziert. Ergon lud mich an ihre BBQ ins malerische Hafenstädtchen
Sausalito ein und bei AdNovum in San Matteo gab's Pizza und interessante Einsichten,
wieso man in den USA produktiver arbeiten könne als in der Schweiz. Kürzlich
durfte ich ins Forschungslabor Xerox PARC reinschnuppern. Dort wurden viele
heute selbstverständliche Dinge wie Ethernet, Maus, GUI, Laserdrucker etc.
erfunden bzw. entwickelt. Ganz neu ist momentan das ePaper, eine Art elektronisches
Papier, das man ohne Drucker beschreiben kann. Im Gegensatz zu einem Bildschirm
mit LCD-Technologie braucht es nur Strom, wenn der Inhalt geändert wird,
aber nicht zur Darstellung des Inhalts. Und biegbar ist es zudem auch noch.
Ausserdem gibt es da noch die Stanford University, bei der doch erstaunliche
viele Veranstaltungen gratis besuchbar sind. Ich wusste bisher gar nicht, dass
Tery Winograd (KI, HCI) eine Frau war (peinlich, peinlich, ...).
Das DMV (das department of motor vehicles) schreibt einem hier vor, dass man
bei Aufnahme eines Jobs trotz internationalem Fahrausweis nach 10 Tagen die
lokale Fahrprüfung machen muss (Theorie und Praxis). Diese habe ich inzwischen
erfolgreich hinter mir. Etwas erstaunt hat mich neben dem tiefen Preis von US$
12 für beide Prüfungen die praktische, da man in nur knapp zwanzig
Minuten durch die Stadt fährt ohne jemals seitwärts parkieren zu müssen
und man muss auch nicht auf den Highway gehen. Die California Driver's License
gilt hier als einzige "real ID" und wird beim Eintritt in jedes Pub
kontrolliert. Für Swiss IDs haben viele nur ein müdes Lächeln
("Hast du das vom Pier 39 für US$ 5 gekauft?") übrig. Unter
18 gibts hier keine Zigaretten und unter 21 keinen Tropfen Alkohol zu kaufen.
Der Einfachheit halber werden Teenies unter 21 gar nicht reingelassen, auch
wenn sie ev. nur Billard spielen wollen und gar nicht an die Bar gehen würden.
Ach ja, und wer sich mit einer offenen Alkohol-haltigen Flasche (inkl. Bier)
auf der Strasse blicken lässt, der wird von der Polizei verhaftet. So erstaunte
es auch nicht, dass am 4th of July in San Francisco eine hohe Dichte von kleinen
braunen Paperbags vorherrschte, in denen gewisse Leute eine Flasche zu ihrem
Mund führten. Champagnerkorken hörte man aber nirgends knallen - ist
ja auch höchst illegal im Freien auf öffentlichen Plätzen!
Bei Parties, wo underage (<21) Kids verbotenerweise Alkohol trinken soll
die Polizei laut Gerüchten eine ganz ausgereifte Praxis betreiben. Nach
der Razzia werden die underage Kids vor die Türe gesetzt und erhalten ein
Wiedereintrittsverbot für die Nacht. Wenn es ihnen dann langweilig wird
und sie angetrunken nach Hause fahren (ab 16 darf man hier schon die Fahrprüfung
machen), springen die im Quartier lauernden Polizisten aus ihren Verstecken
und entziehen ihnen den Fahrausweis. Clever, clever, ... und erst noch alles
streng nach Gesetz und zum Besten der anderen Strassenbenutzer.
Unser 4 Zimmer-Appartment mit Küche und Bad werden wir wohl auf Ende Juli
aufgeben müssen, da die Vermieterin im August einen 6 Monatsvertrag machen
will bei gleichzeitiger Erhöhung der Miete auf US$ 2300 pro Monat exkl.
Nebenkosten von ca. US$ 100. Die Preise in der weiteren Region um Palo Alto
sind aber eher im Fallen denn im Ansteigen und für 6 Monate will sich keiner
unserer Roommates verpflichten. Wohnen im Silicon Valley ist nicht gerade günstig
- besonders, wenn man anschaut, was man für den Preis vorgesetzt bekommt.
Der Pool ist übrigens fast Standard, aber die Häuser sind nicht für
Jahrhunderte gedacht wie in der Schweiz. Die Wände sind aus dünnem
Holz und nur minimals isoliert, und wer kräftig dagegentritt könnte
auch ohne Schlüssel quasi "durch die Wand" die Wohnung betreten.
Der dicke flusige zerzauste braune Teppich böte wohl einer riesigen Sippschaft
von Hausstaubmilben Unterschlupf, so er denn nicht bei jedem Wohnungswechsel
mit aggressiver Chemie fasertief (auf Kosten des Vormieters) "gereinigt"
würde. Der neue Mietvertrag würde uns sogar verbieten, neue Roommates
aufzunehmen bei einem allfälligen Wechsel. Da ich und Daniel nur vorübergehend
da sind, macht dies nicht viel Sinn. Ach ja, und die gemieteten Möbel wurden
uns auch letzte Woche weggenommen. Sie sind nämlich vom Vor-Vormieter vor
gut einem Jahr mal gemietet worden und dieser hatte erst jetzt Zeit, sich um
die Auflösung des Mietvertrages zu kümmern. Für meine letzten
gut drei Wochen habe ich nun bei Kollegen Matratzen ausgeliehen (bei "furniture
rental companies" geht unter 4 Monaten Mietvertrag gar nichts und kaufen
für gut 3 Wochen ist ja wohl etwas übertrieben) und zudem haben wir
fuer US$ 11 eine aufblasbare Couch sowie Sitze angeschafft. Die Couch schwimmt
sogar in unserem Pool wie Pooja fast erfolgreich nach einer Privat-Party morgens
um zwei uns unfreiwillig demonstrierte hat. Immerhin war das Wasser noch angenehm
warm, weil die Sonne es den ganzen Tag ueber aufgewärmt hatte.
Langsam, aber sicher wird dieser Bericht etwas lang und dabei habe ich noch
so vieles nicht mal angetönt. Gratulation, wenn du es bis hierher geschafft
hast! Es lohnt sich aber, noch bis zum Schluss durchzuhalten. Irgendwie scheint
hier doch einiges mehr zu laufen als im schönen und ruhigen Schwiitzerländle
und zudem gibts nun auch noch ein paar erklärungswürdige Fotos.

Am letzten Wochenende war ich mit einigen anderen HP-mates in San Francisco
und übernachtete bei einem Kollegen. Als wir dann am Sonntag spät
zurückkamen, war leider mein Mountainbike nicht mehr an der Caltrainstation
- es stellte sich heraus, dass es jemandem so sehr gefallen haben musste, dass
er (oder sie) es sich trotz Kabelschloss angeeignet hatte. Deshalb begab ich
mich auf den lokalen Polizeiposten, um den Diebstahl zu melden. Hoffnung auf
Wiederbeschaffung konnten sie einem aber nicht machen, da es hier weder eine
Bike-Diebstahlversicherung gibt noch ist es sehr selten, dass Bikes verschwinden
(ca. zwei pro Woche). Tja, deshalb habe ich nun eines ausgeliehen bis ich im
August zurück in die Schweiz fliege.
Nun noch zur Foto-Collage im Attachment: Links oben sieht man die Gay Pride
Parade von San Francisco, die am 24. Juni 2001 stattfand. Man beachte das Schild
"Nobody knows, I'm gay". Neben vielen kleinen Gruppierungen marschierten
in der sechsstündigen Parade auch die "gay-and-lesbian police officers"
vorbei (mit Regenbogenflagge am Polizeiauto wohlbemerkt). Hier scheint man keinen
Autoritätsverlust zu befürchten. In der Schweiz wird das wohl noch
etwas dauern, bis die Leute noch etwas toleranter werden. In der Mitte oben
ein Bild aus dem Yosemite National Park unterhalb des Nevada Falls. Die Sonne
brannte mit 105 Fahrenheit auf uns nieder (gut 40 Grad Celsius), doch natürliche
Pools boten da Abkühlung. Rechts unten ist ein Teil unserer Wandergruppe
auf einem Berg, der höher als der berühmte "Half Dome" liegt,
am Ausruhen. Die Aussicht war fantastisch und das Wochenende viel zu schnell
vorbei. Unten links sieht man unseren "Indian Dinner" mit Sandra und
Holger beim Degustieren.
Und nun hoffe ich, dass ihr einen kleinen Einblick in
das Leben in Kalifornien und im Silicon Valley im Speziellen gewonnen habt.
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